Menschen und Mächte

Oktober 2000

Sind es wirklich nur die Global Player und ein paar Nischenanbieter, die in der Finanzdienst-leistungswelt überleben werden, so wie es uns die Zukunftsprognosen der Beartungsbranche und der Investmentbanker stets neu vorhersagen? Mir scheint, dass gegen kein anderes Prinzip der Effektivität und Rentabilität so regelmäßig verstoßen wird, wie bei der Sucht nach Größe und Konzentration. Nach dem jüngsten Bankendesaster wächst der Kreis der Zweifler und die Sorge, dass das Fusionsfieber vielleicht doch pathologisch, als fehlgeleiteter Größenwahn ist. Erlebten wir in der Unternehmenslandschaft erstmals in den 70er Jahren tiefe Veränderungen, als aus Industrieunternehmen Mischkonzerne, aus Spartenversicherern Allfinanz-Gesellschaften wurden, so war plötzliche „Konzentration“ Schlagwort und Zeitgeist. In den 80er Jahren, mit der Liberalisierung, war der flexible Mittelstand die Leitidee. Mit Leanmamagement, Downsizing und Outsourcing wurde wieder alles klein gemacht. Dezentralisierung war Trumpf und aus Konzernen wurden wieder separate Profitcenter. Mit dem Globalisierungsimpuls in den 90er feierte die Fusionseuphorie wieder fröhlich Urständ. Freundliche wie feindliche Übernahmen sollten Marktanteile erhöhen, den Wettbewerb erdrücken, das Überleben sichern. Doch es wächst Ernüchterung. Nicht erst seit der gescheiterten Bankenfusion. Was die Fusionsarchitekten oft vergessen: In der Wirtschaft entscheiden nicht allein die harten Faktoren wie Kapital und Investitionen über Marktanteile und den Erfolg neuer Strukturen. Mächtiger und entscheidender ist das Primat des Personalen. Menschen entscheiden, ob das neue Unternehmensgebilde erfolgreich wird. Ohne Sensibilität und Fairness für die kostbare Ressource guter Mitarbeiter ist Scheitern vorhersehbar. Die Betriebswirtschaft kennt die Lehre vom abnehmenden Grenznutzen und unsere Großeltern erzählten, dass nicht nur das tapfere Schneiderklein sondern mutige, vor allem schnelle Recken große, dumme Riesen stets überlisteten. Bleibt die zeitlose Erkenntnis, dass Schnelligkeit und Kreativität meist wichtiger sind als Größe und Macht.