Die "Über-Fünfzigjährigen"

Eine kreative und vitale Generation

März 2005

Noch immer umwerben Personalabteilungen am liebsten die „High Potentials“, ködern jugendliche Talente und sortieren die Alten und Erfahrenen aus.

Ein Irrglaube mit fatalen Folgen, denn sowohl in der Wirtschaft als auch in Politik und Kultur leistet die Generation der „Fünfzig-Plus“ vital und gesund Bedeutendes und hat der jungen Generation Vieles voraus. Warum?

Die intensive Familienphase ist gelebt, die Kinder sind aus dem Haus. Damit steigt die Bereitschaft zur Mobilität. Intime Kenntnis betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge und Abläufe, Produkte und Vertriebsstrukturen, Erfahrung im Umgang mit Kunden und Mitarbeitern schaffen Souveränität und Glaubwürdigkeit. Erlebte Stress- und Konfliktsituationen helfen, die Kräfte wesentlich effektiver einzusetzen und sich auf die eigentlichen Stärken zu besinnen.

Statt dessen wird die Generation der Über-Fünfzigjährigen mit Vorbehalten und Vorurteilen zugeschüttet und ausgegrenzt, weil nach Tarifvertrag teurer als die Jungen und schwerer kündbar. Pauschale Zweifel an ihrer Leistungsfähigkeit, „nachlassende Motivation“ und „kritisch gegenüber allem Neuen“ sind die beliebten, nicht haltbaren Aufzählungen, von denen manche Personalabteilung mit ihrem ausgeprägten „Altersrassismus“ befallen ist, wie es der FAZ-Herausgeber Schirrmacher in seinem Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ schildert.

Solcher Jugendfetischismus vergisst allzu oft, dass nicht das Geburtsdatum über das Alter entscheidet, sondern ob man im Kopf und im Herzen jung geblieben ist, seine Begeisterungsfähigkeit erhalten und nie aufgehört hat, dazuzulernen. So sind oft Siebzigjährige körperlich und geistig so fit wie ein / zwei Generationen vor ihnen die Sechzigjährigen und Sechzigjährige wie die Fünfzigjährigen. Im Gegenzug gibt es Mittdreißiger und Vierziger, die in Auftreten, Attitüde und Anspruch geistig vorpensioniert sind.

Wir erleben eine selbstbewusste ältere Generation, deren Leistungsbereitschaft, Lebenserfahrung und menschliche Wärme so dringend gebraucht werden, aber im Jugendwahn unserer Gesellschaft nicht verstanden und gefordert sind.

Wann fangen wir an zu begreifen, dass immer mehr Alte, die dieses Land und die Betriebe aufgebaut haben, uns nicht ärmer, sondern reicher machen an Erfahrung, an Wissen, Toleranz und Engagement.

Statt dessen aber hören wir von den Unternehmensspitzen die falschen Botschaften an die Leistungswilligen und Erfahrenen: „Wir brauchen euch nicht!“

Der in nahezu allen Großbetrieben und zunehmend auch im Mittelstand vollzogene Paradigmenwechsel vom Eigentümer zum angestellten Manager hat die Einstellung zu den Mitarbeitern – erst recht zu den älteren – entscheidend verändert.

Der Ergebnishunger des Kapitalmarktes, das irrationale Ranking und Rating, die hochgeputschte Einflußnahme der oft in sicherer Entfernung von den Inhalten des Geschäftes agierenden Controller und die vielen, oft widersprüchlichen Gutachten der Consulting-Firmen, haben die Menschlichkeit in den Unternehmensführungen häufig verdrängt. Sie haben einen neuen Typus von Spitzenmanagern geschaffen, die sich der Kapitalseite als „Beiseiteschieber“ oder „Maximalprofiteure“ anbieten.

Die selbstverordneten Ziele zweistelliger Eigenkapitalrenditen haben der Führungsschicht den Verlust von Maß und Mitte beschert, denn hier geht es nicht ums Überleben, sondern ausschließlich darum, die Interessen der Kapitaleigner maximal, nicht etwa optimal zu bedienen.

Spätestens jetzt verliert diese Führungsspitze die Herzen der Menschen, die man doch dringend zum engagierten Mitmachen und damit für die langfristige Perspektive des Unternehmens braucht. Die guten Mitarbeiter emigrieren innerlich – es ist nicht mehr „ihr“ Unternehmen – andere schielen auf den Notausgang oder verlassen nicht ein schlechtes Unternehmen, sondern schlecht führende Vorgesetzte.

Und immer weiter werden einst hoch motivierte Mitarbeiter „sozialverträglich“ aufs Altenteil verschoben.

Was muß geschehen auf den Führungsetagen, um Vertrauen und Glaubwürdigkeit wieder zurückzugewinnen?

Kein Unternehmen kann es sich erlauben, seinen Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, sie würden „über den Tisch gezogen“. Der Eigenschaden wäre unermesslich.

Glücklicherweise gibt es in fast allen Unternehmen trotz allem Führungskräfte, auch an der Spitze, die unter schwierigsten Bedingungen Fairness und Menschlichkeit vorleben, doch sind es die Ergebnisgier des Kapitalmarktes, die Vorgaben der immer noch in sicherer Entfernung vom Geschäft agierenden Controller und der permanente Druck, Personalstatistiken bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung weiter abzuspecken, die es ihnen dabei nicht leicht machen.

Führung bedeutet vor allem auch Beziehung zu den Menschen, und Beziehung ohne Vertrauen ist nicht möglich. Wer Raubbau mit der Glaubwürdigkeit treibt, ist schnell für immer diskreditiert.

Da hilft es auch nicht, an dem Wort „Leistung“ herumzulutschen wie Kinder an bunten Zuckerstangen und zu versuchen, die Gesamtentwicklung mit dem Killerargument „Globalisierung“ zu „erklären“.

Der Eigentümer-Unternehmer hatte immer eine Bindung zu seinen Mitarbeitern und war sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst, und darüber hinaus riskierte er stets sein Geld, sein eigenes Vermögen.