Führungs- und Verhaltensrisiken des Versicherungs-Managements

VGA-Nachrichten 1/2007

I. Die Schwierigkeit, unternehmerischen Weitblick mit persönlicher Bescheidenheit zu verbinden.

Häufig sitzen an der Spitze von Unternehmen Menschen, die ihre Umwelt damit faszinieren, dass sie Visionen verbreiteten und ihr vermeintliches Charisma wie ein Heiligenschein über ihnen hängt. Wie groß aber ist dann die Enttäuschung, wenn wir solche Spitzenmanager erleben, die ausgestattet sind mit all jenen beeindruckenden Eigenschaften, deren ausgeprägtes Selbstbewusstsein aber im entscheidenden Moment umkippt in Selbstverliebtheit und deren vermeintliche Genialität von Eitelkeit und Showmanship überlagert wird.

Starke Persönlichkeiten erkennen wir aber nicht an der auffallenden Bugwelle, die sie vor sich herschieben. Sie bleiben vielmehr unauffällig, denn sie müssen den Spagat schaffen zwischen unternehmerischer Entschlusskraft und persönlicher Bescheidenheit. Wie viele engagierte Spitzenleute zerschlagen sich die Anerkennung ihres Teams, weil sie auf der Woge ihres Erfolges auch noch empfänglich werden für Schmeicheleien und weil sie ihre Erfolge immer auf’s neue publizieren müssen!

Leider ist eine Tugend auf vielen Chefetagen sehr dünn gesät und damit reduzieren sich die wirklichen Persönlichkeiten auf eine eher kleine Zahl. Und diese Tugend ist Bescheidenheit. Zu ihr gehört auch, nicht in Quartalsberichten, sondern in großen Planungsabständen zu denken und zu handeln und das heißt vor allem auch, seinen persönlichen Vorteil den Unternehmensinteressen unterzuordnen.

Zusätzlich zeichnet sich der Führungsstil starker Persönlichkeiten auch dadurch aus, dass sie dem sorgfältig ausgewählten Nachwuchs mit Respekt begegnen und dessen Entwicklung gezielt fördern. Von seinen Mitarbeitern erwartet man keine Unterwerfung, sondern das, was man von sich selbst verlangt: Höchstleistung und konzentrierten Einsatz zum Wohle des Unternehmens.

Dass der unternehmerische Erfolg sich auch im persönlichen Erfolg widerspiegelt, ist gewollt und kein Widerspruch. Nur dürfen Statussymbole, Reputation und Gewinnbeteiligung nicht die einzige Motivation für Leistung sein, sondern immer nur Nebenzweck.

Das heißt doch, dass wir an der Spitze Menschen brauchen, die mit Entschlossenheit alles tun, was dem Unternehmen und einen Mitarbeitern dient. Menschen, die ihre persönliche Karriere und ihre finanziellen Interessen hinter die Arbeit für das Große und Ganze stellen. Unsere Wirtschaft braucht bekanntlich keine Helden, sondern Führungspersönlichkeiten, die unternehmerischen Weitblick mit persönlicher Bescheidenheit verbinden. Persönlichkeiten, die das Unternehmen und dessen Mitarbeiter, nicht aber die eigene Person in den Vordergrund stellen.

Die Versicherungslandschaft verändert gegenwärtig wiederum ihre Strukturen, zum Teil radikal und entwickelt den durchaus nicht umstrittenen Ehrgeiz neue, noch größere Einheiten zu schaffen oder sich völlig neu aufzustellen. Motiv hierfür ist nicht der oft zitierte Größenwahn einzelner, sondern der Ergebnishunger des Kapitalmarktes, das zum Teil irrationale Ranking und Rating, die hochgewachsene Einflussnahme der oft in sicherer Entfernung von den Inhalten des Geschäftes agierende Controller und die nicht zuletzt vielen, oft widersprüchlichen Ergebnisse und Gutachten der Consultingfirmen. Durch all diese Veränderungen wird ein neuer Typus von Manager geschaffen, der sich der Kapitalseite – was allein nicht verwerflich ist, jedoch leider zu Lasten der Belegschaft – als Maximalprofiteur anbietet. Dabei haben die selbst verordneten Ziele, zweistellige Eigenkapitalrenditen zu schaffen, der Führungsschicht oft den Verlust von Maß und Mitte beschert, denn hier geht es nicht ums Überleben und schon gar nicht um das Schicksal der vielen Mitarbeiter,die das Unternehmen einst geprägt haben, sondern ausschließlich darum, die Interessen der Kapitaleigner maximal und nicht etwa optimal zu bedienen.

Glücklicherweise gibt es in vielen Unternehmen auch an der Spitze Führungskräfte, die unter diesen erschwerten Bedingungen Fairness und Menschlichkeit vorleben. Dabei machen es ihnen die Ergebnisgier des Kapitalmarktes, die Vorgaben der Controller mit ihrem permanenten Druck, Personalstatistiken bis zur nächsten Aufsichtsratsitzung weiter abzuspecken, nicht gerade leicht.

Führungs- und Verhaltensrisiken, über die wir heute sprechen, sind vor allem Beziehungen zwischen ihren Führungskräften mit ihren Mitarbeitern, und Beziehung ohne Vertrauen ist nicht möglich.

Wer Raubbau an der Glaubwürdigkeit treibt, ist schnell nachhaltig diskreditiert. Wer Entlassungen im großen Stil als Überlebenskampf und Systemzwänge eines angeblich gnadenlos globalisierenden Marktes erklärt, bleibt ohne Vertrauen.

Die Zukunft, auch in der Versicherungswirtschaft, braucht nicht Größe, sondern Herkunft und Moral. Moralisch aber handelt, wer die Menschen nicht nur als Mittel, sondern auch als „Zweck“ ansieht. Genau darum ist hier der Mensch mit Entscheidungswerten ausgestattet und verfügt über eine moralische Dimension innerhalb des Unternehmens. Manche Entscheidungsträger allerdings verwechseln legal und legitim. Sie verhalten sich legal, handeln aber nicht immer legitim.